Detlef Hartung und Georg Trenz


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PALIMPSEST I + II
17. Kunstwoche Lenggries
ehemalige Schlossbrauerei, jetziges Pfarramt

 


 
Der seit der Antike verwendetet Begriff Palimpsest meint ursprünglich eine Manuskriptseite aus Pergament oder Papyrus, die durch Schaben oder Waschen gereinigt und danach neu beschrieben wurde. Schreibmaterialen waren im Mittelalter unerschwinglich teuer, so dass vor allem für liturgische und christliche Texte antike Pergamente palimpsestiert wurden. Obwohl etymologisch das Abreiben und Entfernen gemeint ist, wird mit dem Wort Palimpsestieren das Wiederbeschreiben, bzw. Überschreiben bezeichnet.
 

 
“Was Anderes als ein natürliches und mächtiges Palimpsest ist der menschliche Geist? Solch ein Palimpsest ist mein Geist; solch ein Palimpsest, O Leser! ist der Deinige. Immerwährende Schichten von Ideen, Bildern, Gefühlen sind auf deinen Geist gefallen so sanft wie das Licht. Jede Abfolge [von Gedanken] verbrannte scheinbar alles was vorher war. Und doch wurde in Wirklichkeit keine Einzige ausgelöscht.”
Thomas De Quincey in Suspiria de Profundis (1845).

 

 
In ihrer Arbeit für die Künstlervereinigung Lenggries e.V. nähern sich Detlef Hartung und Georg Trenz dem Ausstellungsthema Transparenz mit einem etwas ungewöhnlichen Ansatz, der Auseinandersetzung mit dem Palimpsest und seiner übertragenen, aber auch unmittelbaren Bedeutung in der künstlerischen Arbeit mit Licht, Raum und Sprache.:
Das Gelöschte, Ausradierte ist noch immer da, scheint noch immer durch, bestimmt noch immer, wie das darüber Liegende gelesen wird. Der Entstehungsprozess einer gestalterischen Arbeit ist, ebenso wie ihre Rezeption ein kontextueller Vorgang, in dem sich alles bisher Erlebte und Erfahrene in vielen Ebenen vielschichtig miteinander verknüpft.
 

 
Einen Gedanken, eine Idee, ein Wort, eine künstlerische Arbeit von vornherein als Palimpsest zu verstehen, heißt ihr Transparenz zu verleihen und die ihr zu Grunde liegenden Konnotationen und Beziehungen mitzudenken.
In der formalen typographischen Überlagerung und Kombination transparenter, aber auch nichttransparenter Schriftzeichen verliert ab einem bestimmten Punkt der Buchstabe, das Wort seine Erkenn- und Lesbarkeit, und es ergeben sich aus dem ursprünglichen Zeichenmaterial neue Bilder, neue Inhalte, neue Lesbarkeiten, die sich aus den vorangegangenen Texturen speisen und ableiten.
Detlef Hartung und Georg Trenz verwandeln Teile des Eingangsbereiches, der Decke und die Frontwand mit dem Patriarchenkreuz in einen Licht&ndashText-Raum, der die Besucher empfängt und verabschiedet, der sie über die Treppe in den großen Ausstellungsraum geleitet und sie von dort wieder zurückführt. Mit einfachsten Mitteln werden Denk– und Wahrnehmungsprozesse visualisiert. Ausgangstext ist dabei das Zitat von Thomas de Quincey.
Einzelne Begriffe tauchen auf, lösen sich auf, werden von anderen Wörtern überlagert, formieren sich zu Textfragmenten, bis hin zum lesbaren Text der sich wiederum im Raum auflöst, mit Assoziationen, abschweifenden Begriffen überlagert, zurückgeholt wird vom Ausgangszitat, Verdichtung der Schrift bis zum reinen Licht, Verschwinden der Buchstaben in die Dunkelheit. Darunterliegend immer das Doppelkreuz, als Symbol des Ortes, aber auch ein archaisches, grafisches Zeichen der Orientierung im geografischen und sozialen Raum durch Vertikale und Horizontale.
Dieser animierten, mittels Beamer projizierten Arbeit steht im unteren Bereich des Treppenhauses eine kleinere, statische Arbeit mit übereinandergelegten Diaprojektionen gegenüber. In diesem besonderen “Palimpsest” ist nicht erkennbar welche der Texte davor oder dahinter liegt. Keine wurde gelöscht oder ist mehr oder weniger deutlich erkennbar. Erst mit dem Durchschreiten der Besucher werden die Ebenen voneinander getrennt und die Schriften lesbar.
 

 
Zur Ausstellung erschien ein Katalog.

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