Detlef Hartung und Georg Trenz


Aktuell

Projekte

Kunst am Bau

Vitae

Kontakt

Links

Impressum

home

DONA NOBIS PACEM
Gedenkveranstaltung zum Ende des Ersten Weltkrieges
Kölner Dom, Südfassade, Köln

 


 
Die Arbeit DONA NOBIS PACEM ist für und mit dem Kölner Dom entstanden. Kein anderes Bauwerk wäre für diese Bitte um Frieden besser geeignet. Er steht nicht nur für über achthundert Jahre Menschheitsgeschichte in Krieg und Frieden, auf seiner Fassade sind die Spuren dieser wechselvollen Historie abzulesen und er steht symbolisch für ein Ideal, das vielleicht niemals vollendet werden kann, an dem aber permanent gearbeitet werden muss, um es nicht zu verlieren.
 

 
Seine Fassadenoberfläche ist dunkel und verwittert, gelegentlich wieder mit helleren, neuen Partien versehen und seine gotische Architektur so voller Einschnitte, Brüche und Versätze, dass man es bei Tageslicht nicht für möglich hält, nachts darauf zu projizieren.
Aber der poröse, raue Stein fängt das Licht und schickt es zurück, als würde er von innen heraus leuchten. Die durchbrochene Architektur hebt die Wörter auf den Prüfstand, zerlegt und zerstört sie und fügt sie wieder zusammen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte? Form und Inhalt der Begriffe stehen sich auf einmal kongruent gegenüber.
 

 

 

 
Die 15minütige Textanimation DONA NOBIS PACEM ist eine in drei Abschnitte gegliederte, typografisch gestaltete Ansammlung konnotierender Begriffe. Der erste Abschnitt erinnert an den Ersten Weltkrieg und sein Ende vor 100 Jahren.
Das erste Wort, das sich aufsteigend über den Dom bewegt ist das Wort HURRA, dem viele weitere Hurras und Ausdrücke der Begeisterung folgen. 1914 wurde der Beginn des ersten Weltkrieges von vielen Menschen euphorisch begrüßt. Schnell verwandeln sich die Freudenschreie in Schmerzensschreie. Zwischen den Splittern der explodierenden Jahreszahl erscheinen die Namen der Schlachtfelder und Kriegsschauplätze, die sich durch enge Spationierung und Brüche in der Textur in eine Art Dazzle–Camouflage (1) umbilden. Diese steht bildhaft für die “Spuren” des Krieges: die labyrinthischen Gräben, die wechselnden Frontverläufe, die Brüche und Zerstörungen. MENSCHEN werden zu MATERIAL und die Kriegsindustrie entwickelt immer neue, effektivere Massenvernichtungswaffen (KRIEGSSCHIFFE, PANZERWÄGEN, FLAMMENWERFER, GIFTGAS …).
HEIMAT und FRONT werden Synonyme. Der Krieg ergreift Besitz von den Heimatstädten. Köln wird “Frontstadt”. Die Rüstungsindustrie siedelt sich an, es herrscht KARNEVALSVERBOT. Von hier aus fahren die Soldaten an die Front. Gräben überziehen das Land. Wenn diese sich auflösen ist kein Name, kein Wort mehr zu lesen, nur der sich immer wiederholender Buchstabe t, Gräberfelder aus Kreuzzeichen für jeden Toten, Soldaten wie Zivilisten, zerfetzt von Granaten, mit Bajonetten durchbohrt, im Giftgas erstickt oder dahingerafft von Seuche und Krankheit (SPANISCHE GRIPPE). Statt Sprache hinterlässt diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts nur blanke, kalte Opferzahlen. Insgesamt ca.20 Millionen Tote auf der ganzen Welt und ebenso viele Verletzte . Das Jahr 1918 bricht in sich zusammen.
 

 

 

 
Die zweite Sequenz, ebenso lang wie die erste ist der Friedenssuche und dem Ringen um Frieden gewidmet, beginnt aber mit einer Bestandsaufnahme. Aus den Trümmern der Jahreszahl 1918 lösen sich ERSCHÖPFUNG, VERLUST, WUNDEN, TOD…
Es gärt und brodelt. Im Wechselspiel aus WUNDENÜBERWUNDEN drängen sich EXISTENZANGST, VERLETZUNG und VERZWEIFLUNG in den Vordergrund.
Auf dieser bewegten organischen Oberfläche tauchen kurzzeitig Friedensbegriffe auf (BROTFRIEDEN, SCHEINFRIEDEN, WELTFRIEDEN …) und verschwinden wieder im Dickicht der Buchstaben und Wörter. Das Ringen um Frieden ist auch ein Ringen der Sprache im Kampf der Gegensätze (FREUND–FEIND, GEWINN–VERLUST, OPFER–TÄTER) und es istmmeine Sisyphos–Arbeit. ZIVILCOURAGE, MENSCHENRECHTE und GLEICHBERECHTIGUNG wollen immer wieder aufs Neue erarbeitet und gestaltet werden.
Dann gibt es Lichtblicke. Kreisende Spots entdecken unter der Oberfläche der Fassade TRAUER, MITGEFÜHL, RESPEKT, TOLERANZ …. und “beschreiben” den Dom als einen Leuchtturm der NÄCHSTENLIEBE. Die zunächst lose zusammengefügten Begriffe des gemeinschaftlichen, friedlichen Zusammenlebens sinken zu Boden und formieren sich an der Basis des Domes zu einem aufsteigenden, tragfähigen Textblock. An der Domspitze angekommen, beginnt er sich konvex zu wölben und in jeweils dreizeilige Bögen aufzulösen.
Hier enden die ersten beiden Sequenzen mit zusammen etwa elf Minuten Länge. Sie sind unterlegt mit Ausschnitten aus “dies irae”, dem 3. Teil des Requiems in c–moll von Luigi Cherubini von 1815 in einer Aufnahme des Kölner Domchors unter Leitung von Professor Eberhard Metternich..
 

 

 

 

 

 
Zur dritten und letzten Sequenz erklingt das “dona nobis pacem” aus der h–Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, BWV 232 in einer Aufnahme des Figuralchors Köln unter der Leitung von Erzdiözesankirchenmusikdirektor Richard Mailänder.
Diese Sequenz steht für den Wunsch nach einem göttlichen, idealen, inneren wie äußeren Frieden und ist zugleich eine Referenz an den Kölner Dom und seine Beziehung zur Kölner Bevölkerung.
Die gewölbten Zeilen mit den Friedensbegriffen formen sich zu Bögen, Brücken und tragfähigen Säulen. Farben tauchen auf. Das Symbol des Regenbogens wird assoziiert.
Die Bogensegmente öffnen sich gleich einer Blüte (oder geöffneten Händen) und machen Platz für konzentrisch ineinander gesetzte Kreise. Zu lesen ist der Text: DONA NOBIS PACEM (Schenk uns den Frieden), der einzige zusammenhängende Satz in der gesamten Textanimation. Intensive Farben wandern auf den Textkreisen konzentrisch nach innen. Ein In-Sich-Gehen, ein Sich-Erinnern an Unrecht und Leid, MEMORIA PASSIONIS (3) auf der Suche nach dem inneren Frieden.
Aus einem Kreiszyklus werden drei, mit Wellenbewegungen nach innen und außen, als würde man Kiesel ins Wasser werfen und die Botschaft der Berührung der Wasseroberfläche sich überallhin verbreiten. Die Bitte um Frieden vervielfältigt sich in der christlichen Symbolik der Zahl Drei. Schließlich fügen sich alle Kreisquellen wieder zu einer einzigen zusammen, deren Bewegung jetzt von innen nach außen führt und in einer strahlenden Corona mündet. Das Schlusssequenz, ausgezeichnet mit den Farben rot und weiß, umarmt gleichsam die Stadt Köln, ihre Bewohner und Besucher und bezieht sie mit ein in diesen Wunsch, diese Bitte nach Frieden.
 

top