Detlef Hartung – Georg Trenz


Aktuell

Projekte

Kunst am Bau

Vitae

Kontakt

Links

Impressum

home

VOLIERE
— eine Freifluganlage für Worte,
Lange Nacht der Museen Köln,
neues kunstforum Köln


 

 

Der Mythos von Daedalos und Ikarus beschreibt bereits in der Antike, dass der Traum des Menschen vom Fliegen, der Traum der absoluten Freiheit, nur über die Einschränkung, den Mittelweg zu haben ist. Weder der Sonne, noch dem Wasser durfte Ikarus zu nahe kommen.
Das begrenzte Grenzenlose, die Freiheit in Fesseln sind ein Urmotiv des Menschen, der ein Lied singen kann von der Ambivalenz von Körper und Geist, Gefangensein und Ungebundenheit (Hoffmann von Fallersleben: Die Gedanken sind frei). Es scheint sogar so, dass das eine das andere bedingt, jeder Raum nicht nur Gefängnis ist sondern auch Keimzelle, Nest, (Geburts–)Ort der Freiheit.
 


 

Dieses Paradoxon, dass sich alles in einem findet, ein begrenzter Raum unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet, Innen und Außen zwei Seiten einer Medaille sind, beschäftigt den Menschen von der Steinzeit bis zur Moderne und bildet sich ab in seinen Architekturen. Es gibt eine schöne bauliche Umsetzung dieses Paradoxons in den, seit der Barockzeit beliebten großen Volieren, in denen die Vögel nisten und in scheinbarer Freiheit umherfliegen konnten.
Ein Modell des Lebens?


 

 

Architektonische Analogien zu diesen umbauten Biosphären (zu denen auch die Palmhäuser, Schmetterlingshäuser, etc zu zählen sind) findet man in den Glaspalästen der Weltmessen des 19. Jahrhunderts und der modernen transparenten Architektur (wie z. B. auch im neuen kunstforum). Glas– und Stahlkonstruktionen vermengen das Private und das Öffentliche und mutieren zu gesellschaftlichen Volieren, Käfigen in denen die Menschen das fliegen üben. Die Mittel, die sie dazu zur Verfügung haben sind wiederum Paradoxa, nämlich Form gewordene Gedanken und Ideen: Bilder und Worte.


 

Wie gerade Worte Welt abbilden und generieren und über sich hinausweisen, zeigt im Neuen Kunstforum die Installation VOLIERE am Beispiel von Vogelnamen. Diese phantasiereichen Wortschöpfungen aus allen Lebensbereichen, wie z. B. Alpensegler, Schüttelkopf, Nimmersatt, Grasmücke oder Hakengimpel bilden zusammen das Netz einer virtuellen Voliere, projiziert an Decke und Wände. Ein Sprachgerüst, eine Außenhaut, eine Barriere aus neu komponiertem Grundwortschatz, auf und innerhalb der sich Worte aus den Begriffsfeldern der Wahrnehmung, des Denkens und Fühlens scheinbar frei und vogelgleich bewegen und den Raum in den Abendstunden in einen sprachumhüllten Denk–Raum verwandeln.


 

Nichts ist drinnen, nichts ist draußen:
Denn was innen das ist außen.

(Johann Wolfgang von Goethe)


 

 

Begleitend war zur Langen Nacht der Museen am 6.11. die Interaktion “Luftraumkontrolle” von Res Ingold zu sehen:
“Man fliegt nur so weit, wie man im Kopf schon ist”
(Jens Weisflog)


 

Begrüßung von Stephan Andreae
 
Namen strukturieren die Welt. Ohne Namen keine Sortierung. Ohne Namen scheidet ein jedes Ding und jedes Lebewesen aus dem Bewusstsein oder gerät gar nicht erst hinein. Der objektive Name verschafft demnach Existenz bei den Anderen, den Subjekten, zur Verständigung.
Und die Namensgebung ist ein ernst zu nehmendes Handwerk, ein KUNSTHandwerk, das bisweilen und leider oft misslingt, aber manchmal auch ins Schwarze trifft, dann handelt es sich um eine ästhetische Zuweisung.
Wolken haben keine Namen, sie sind zu flüchtig, gleichwohl dürften wir darüber einig sein, dass es einerseits sehr schöne Wolken gibt, andererseits völlig misslungene. Man kann darüber diskutieren, ob es kubistische oder impressionistische Wolken gibt, ja vielleicht auch dadaistische? ganz so, als wäre da jemand am Werk? man weiß es nicht. Da einem die Wolken aber nie wieder begegnen, macht es keinen Sinn, Ihnen Namen zu geben.
Bei Flugobjekten, seien sie dinglicher oder biologischer Natur, verhält sich das anders. Alle schwirren um uns herum und andauernd, mal näher, mal ferner. Und diese müssen in unser System hinein. Warum? Hatten Sie einmal einen Freund oder Freundin ohne Namen? Das wäre doch undenkbar?.
 


 

Aus vielen Gedanken, und u.a. auch aus diesen, ist die Idee der Internationalen Vogelflughäfen entstanden. Sie entstand aus einem Ordnungsimpuls. Denn wie um Himmels Willen soll man Ordnung in dieses große Durcheinander von Vögeln und anderen Benutzern der Troposphäre hinein bringen? Dafür sind Anstrengungen und Maßnahmen erforderlich und dazu haben wir uns jetzt entschlossen und sind bereits auf dem Weg. Es gilt, auf die zunehmende Migration von Wildtieren in urbane Territorien zu reagieren und neue Konzepte und Verkehrslösungen vorzuschlagen und diese exemplarisch zu testen.
Deshalb freue ich mich um so mehr über diese Einladung, das Konzept und die Installation VOLIERE begrüßen zu dürfen, Danke dafür!
Die Sache mit den Namensgebungen ist nur leider komplizierter, als Sie vielleicht denken, dazu möchte ich den Namen eines einheimischen Vogels heranziehen: den ZILP–ZALP, ein Name, der offenbar seinem akustischen Ruf entspringt. Wissenschaftlich nennt man ihn Phylloscopus collybita. Ein kleiner frecher, aber unauffälliger Mitbewohner. Der Zusatz “collybita” kommt von “collybus” = der Geldwechsler. Mag es sein, dass Zilp und Zalp etwas mit Geben und Nehmen zu tun haben???
 


 

Und dann mal die Spatzen. Das kommt vom gotischen “sparwa”?kein Mensch weiß warum. Sie werden dramatisch weniger. Aber auch das verhält sich wie auf konventionellen Flughäfen, eine Airline kommt, eine andere geht.
Vogelflughäfen machen sich nicht allein. Damit begrüße ich sehr herzlich meinen Mitstreiter und Künstlerfreund Res Ingold. Seine Kunst besteht in einem komplexen Konzept (das hier zu erklären zu weit führen würde) und einer Meisterschaft in kalkulierter Maskerade, die weniger auf Täuschung, als vielmehr zur Demaskierung angelegt ist. Res Ingold ist u.a. ein Kritiker, aber auch ein Dichter der BusinessSprache und seinen ästhetischen Signalen. Sein Unternehmen ingold airlines existiert seit über 20 Jahren, die Vogelflughäfen sind lediglich ein weiterer Geschäftsbereich, für den ich selbst mitverantwortlich zeichne. Res Ingold in seiner Funktion als Airline–Vorsitzender bezeichnet sich selbst als “Supplément–Carrier”, ein Name, der nur einem Schweizer einfallen kann.
Die Vogelworte hier in diesem Raum sind ein eigenständiges Kunstwerk, mit dem eigentlich nur die Schöpfer zu tun haben. Dafür gebührt Ihnen unser Respekt. Die Tatsache, dass Res Ingold und ich es uns zur Integration ins eigene Ideenchaos ergriffen haben, ist Teil unserer Planung, aber bedarf selbstverständlich der Zustimmung der Ergriffenen, von der ich jetzt mal ungeschützt ausgehe. Vielen Dank Detlef Hartung und Georg Trenz, dass Sie auf diese Weise ein völlig eigenständiges Kunstwerk in der Langen Nacht der Museen in Köln präsentieren, das wir selbst gerne und ungefragt in unser eigenes Konzept integrieren.

top