Detlef Hartung – Georg Trenz


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KONTINUUM – ODER SPRACHE IN DER GUMMIFABRIK
Halle 10, Clouth Areal,
Köln Nippes


 


 


 


 

Ein nur scheinbar widersprüchliches Grundthema der menschlichen Existenz, ihre Kontinuität in Raum und Zeit sowie ihre fortwährende Transformation spiegeln sich in den Charaktereigenschaften der Sprache. Der ununterbrochene gleichmäßige Fortgang von Abläufen und Prozessen erschwert das Erkennen von Veränderungen. Jedes Wort einer Sprache als Werkzeug der Erkenntnis unterliegt aber einem permanenten konnotativen Bedeutungswandel. Allein seine typographische Darstellung, seine Position im Raum und der Zeitpunkt seiner Nutzung modifiziert und interpretiert ein Wort. Die Arbeit Kontinuum visualisiert diese Dehnbarkeit und Modifizierung von Sprache sozusagen unter Laborbedingungen und schickt einen Wortschatz von 1000 Worten auf die Reise durch einen Raum. (Ein Grundwortschatz von 1000 Worten reicht nach Lewankowski aus um 80% Deutscher Texte zu verstehen). Es entsteht ein Sprachuniversum, ein Raum–Zeit–Sprachkontiuum, bei dem jedes Wort formal wie inhaltlich einem stetigen Wandel unterworfen ist.
 


 

Einführung von Prof. Res Ingold
 
Grosse Räume sind für Künstler oft eine Herausforderung, an der sie scheitern. Künstlerische Volumenbewältigung verlangt nicht nur Intuition und Inspiration, sondern auch Erfahrung und Kalkül, oder aber Glück. Hier und heute kommt alles zusammen, Georg Trenz und Detlef Hartung haben eine raumbezogene Arbeit geschaffen, die man gesehen haben muss, um sie zu verstehen, und wir haben das Glück, diesen Raum so erleben zu können.
Die Halle 10 ist in eine zauberhafte Atmosphäre getaucht. Lichtflocken wie Schneegestöber. Dazu das Surren der Kühlventilatoren. Die Installation ist attraktiv und verwirrend zugleich, man wird von den flüchtigen Augenblicken angezogen und stellt überrumpelt fest, dass sie einem unweigerlich entschwinden. Es ist eine unüberschaubare Fülle von Eindrücken aus Licht und Worten, die ganz konkrete Auslöser haben.
Was wir hier erleben, ist eine Rauminstallation aus Beleuchtung und Gedankenspiel – aus Illumination und Illusion. Wir befinden uns mitten in einem Wortspiel voller Witz und Bedeutung, aber weitab von rhetorischer Figur mit Sinnwitz, Sprachverdrehung oder Doppeldeutigkeit, es geht nicht um Kalauer, Limerick oder Schüttelreim. Die Installation zeigt uns vielmehr einen Blick in den Mikrokosmos des “digitalen Schattens” und gibt uns eine Vorstellung der unendlichen Datenflüsse im Internet, öffnet uns einen Weg in den Blätterwald des Kommunikationskosmos. Es ist eine Rauminstallation wie ein ungebundenes Buch ohne Zeilenvorgabe.


 


 


 

Zu sehen sind Worte, Elementarteile der Umgangssprache als grafische Lichtbilder. Das weiße, reine Licht des Leuchtmittels der Projektoren dringt durch die schwarzen Schablonen der Dias und tritt auf Wänden und Decken als Text in Erscheinung. Es ist eine mit minimalsten Mitteln realisierte, flächendeckende dynamische semantische Verlockung. Zu sehen sind die 1000 am häufigsten verwendeten Worte der deutschen Umgangssprache, nach Lehrmittelquellen und Verbraucheranalyse.
Die Konzentration beginnt im Kleinen und zieht sich konsequent durch alle Bereiche der Installation hindurch. Das minimal–Layout verzichtet auf Textgestaltung und ist auf optimale Lesbarkeit hin reduziert. Es gibt nur Großbuchstaben in sinnstiftender Folge, keine Kompositionsvarianten, keine Spiegelschrift, weder kursiv noch spanisch. Keine digitalen Nebengeräusche stören die Wahrnehmung, die alten analogen Lichtwerfer schaffen eine gleichförmige, regelmäßige Struktur und Ordnung. Es würde auch auf Englisch funktionieren.
Der gestauchte Grundwortschatz hat auf 32 Projektoren und Dias Platz, 16 davon rotieren auf zwei Projektoren–Karussells mit ruhigem Grundmetrum, die andern werfen statische Bilder. Die Architektur wirft das Licht so zurück, dass die Reflexionen unterschiedliche Geschwindigkeiten beschreiben. In den Brechungen erkennt man die Bedeutungspotenziale des Lichtspiels. Wenn ein Begriff langsam kommt und schnell verschwindet oder sich rasch nähert, über die Kante bricht und sich dann langsam auflöst, kann man die Transformation von Bezeichnetem und Bezeichnung plastisch nachvollziehen und erkennen, wie sich Bild und Textur beeinflussen. Die Spuren von Bezeichnung und die Erfahrung von Bedeutungen vermischen sich.
 


 


 


 


 

Die Worte sind erst einmal Buchstabenfolgen und erst dann Bedeutungsträger. Nach der Bedeutungslehre, der Semantik, sind Worte sprachliche Einheiten, Zeichen oder Codes, allgemein verständliche Bezeichnungen oder Vorstellungen, also Projektionen und nicht die bezeichnete Sache selber. Ist denn ein Stuhl ein Stuhl, oder wie war das noch einmal bei Josef Kosuth? Die unreflektierte Benutzung von Bedeutungsträgern ermöglicht uns das schnelle und gleichzeitige Kommunizieren auf verschiedenen Ebenen, so wie das simultane Telefonieren, Rauchen, Flirten beim Autofahren.
Was die ästhetische Funktion dieses synchronen Labyrinths sein kann, ist dem Betrachter überlassen, es gibt keine verbindliche Anweisung zum Einstieg. Man kann sich dem Schneegestöber der Wortfetzen hingeben und den Verzerrungen und Stauchungen der grafischen Zeichen folgen, es wird nicht langweilig, weil sich die Konstellation aus einem Blickwinkel nicht so rasch wiederholt.
Es ist aber keine Installation konkreter Poesie, sondern eindeutig ein raum- und kontextbezogenes, visuelles Raumexperiment mit den Elementen Licht, Text, Bewegung und Wiederholung. Ein Raum–Zeit–Kontinuum im Wandel der Wahrnehmung durch den Besucher, der durch die Hallen wandelt. Bewegung schafft Veränderung des Standpunktes und damit der Wahrnehmung. Eine veränderte Wahrnehmung schafft Differenzwahrnehmung und dadurch Neue Bedeutungszusammenhänge, neue Erkenntnisse.
Die Wortdehnungen in der Halle 10 sind auch eine kleine Referenz ans ehemalige Gummiwerk, die Elastizität wird hier sichtbar durch die bewegte, die dynamische Reflexion. Aber das ist nicht alles. Wenn ein APFEL auf eine SEIFE folgt und SIE LAND SUCHT – sucht dann sie dann ein Grundstück oder hat sie Sehnsucht oder ist jemand landsüchtig? Oder wenn der HUND dem TISCH durch GLAS in rascher Folge BLAU, was passiert denn da genau in dieser Ecke zwischen dem Tisch und dem Tier? Wenn man sich darauf einlässt, löst der konkrete Begriff eine Vorstellungskette aus, aus dem Apfel wird vielleicht ein Boskopp oder Granny Smith, je nach Sozialisation, Erfahrung oder Vorlieben, der Hund ist vielleicht rot und wedelt mit dem Schwanz, oder ein deutscher Schäferhund mit Knickohr, oder aber der Rhythmus treibt die letzten linearen Gedankenfolgen über den Haufen. Die Begriffe lösen Bilder aus, die sehr individuell in den Köpfen der Leser schlummern. Wir sehen zwar alle dieselben Wort, folgen aber höchst individuell den eigenen Neigungen und setzen unterschiedliche Akzente. Wir bilden nicht nur andere Wortfolgen und assoziieren andere Bilder, Gegenstände und Handlungen, sondern entwerfen auch andere Stimmungen und Atmosphären. Es ist wie beim Lesen, erst das Imaginieren des Inhalts löst den intellektuellen Reiz aus.
Viel Spaß beim Entdecken!
 
Köln, Nov. 2009, Res Ingold


 

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